Und wieder einer dieser Filme. Festival-Besucher verlassen frühzeitig den Saal, müssen erbrechen und Horror-Freunde stehen schon sabbernd an der Kasse, um ihr Ticket zu lösen. Julia Ducournaus Kino-Debut ist zugleich Publikums-Schocker und Coming-Of-Age Story. Grund genug, sich den Film mal selbst anzusehen.

Frisch im Internat angekommen, muss sich Justine (Garance Marillier) der harten Realität als Außenseiterin stellen. Fiese Aufnahmerituale, exzessive Partys und eine kleine Prise Kannibalismus, sind nicht gerade angenehm für die 18-Jährige Wunderschülerin.

Irgendwo zwischen dem letztjährigen „Goat“ und David Cronenbergs psychosexuellem Body-Horror, siedelt Julia Ducournau ihren ersten Kinofilm an. Besser hätte man einen Titel kaum wählen können, denn „Raw“ beschäftigt sich ganz und gar mit der instinktiven Seite des Menschen. Dass dabei Kannibalismus in den Mix gerät, scheint da bisweilen fast nebensächlich.
Mit langen, fast schon obszönen Tracking-Shots, werden wir gleich zu Anfang in eine unwirkliche und dennoch irgendwie vertraute Welt geworfen. Schwitzende Körper reiben sich aneinander, bewegen sich im Takt der pulsierenden Musik und bilden eine enthemmte, für unsere Protagonistin aber fast schon unangenehme Masse. Ausgelöst durch eine vollkommen neue Umgebung, wird Justine nach und nach mit ihrer impulsiven, tierischen Seite konfrontiert. Dabei hat Regisseurin Ducournau stets ein Auge für brutalen Realismus. Wie abgedreht die Grundhandlung auch sein mag, man wird sich immer wieder in einer Realität wiederfinden, die dem Zuschauer durchaus vertraut sein sollte.

Auf eine ganz eigene Art und Weise beschäftigt sich „Raw“ mit menschlichen Instinkt, sexuellem Verlangen und huldigt dabei ganz nebenbei den Großmeistern des Genres. Da wird gekratzt, gevögelt und geschwitzt wie schon lange nicht mehr, ohne dabei aber in Widerlichkeiten abzurutschen oder die Charakterentwicklung der Protagonistin zu vergessen. Ohnehin bilden die gerade mal 19-jährige Garance Marillier und ihre Filmschwester Ella Rumpf ein großartiges Leinwandpaar und tragen noch weiter zum erbarmungslosen Naturalismus des Films bei.

Was „Raw“ in all’ seiner schauspielerischen wie bildlichen Schönheit etwas schadet, ist das gerade zum Ende hin etwas müde Story-Korsett. „Raw“ arbeitet stellenweise geradezu meisterhaft mit Metaphorik und lässt verklebte Haare zu einem fast wichtigeren Story-Detail werden, wie irgendeine blöde Wendung, nur um final dann doch in bekannte Muster zu verfallen, die man kilometerweit riechen konnte. Das tut zwar nicht wirklich weh, raubt aber etwas von der seltsamen Schönheit, die der Film doch immer wieder aufbauen konnte.

Wer schon immer mal Lust auf einen audiovisuell beeindrucken Kannibalismen-College-Film hatte, der sollte auf dieses Leinwand-Debut dringend mal einen Blick werfen. Seit „Neon Demon“ war kein Film mehr so ungehemmt und körperlich. Dass „Raw“ nicht immer funktioniert ist da nur ein kleiner Wermutstropfen innerhalb einer seltsamen aber lohnenden Erfahrungen. Allein schon wegen Garance Marilliers beeindruckender Performance.

 

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